Warum Europa Substack kaufen sollte

Von Peter Erdelyi und Milo Tesselaar

Digitale Souveränität ist entweder ein ernsthaftes politisches Ziel oder einfach nur ein Tagungsthema. Hier wollen wir den Unterschied darlegen.

Die letzte Bewertung der Plattform Substack belief sich Mitte 2025 auf 1,1 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa dem Betrag, den die EU pro Woche für Agrarsubventionen ausgibt. Es ist 1/1470 der Marktkapitalisierung von Meta. Im Hinblick auf strategische Infrastruktur ist das ein Rundungsfehler.

Wir reden ständig über digitale Souveränität: „die strategische Autonomie Europas im digitalen Bereich stärken“, wie es das Europäische Parlament in seiner charakteristischen Sprache formuliert. Die Debatte dreht sich um Cloud-Infrastruktur, KI-Modelle, Chips und Rechenzentren. Wesentliche Dinge. Aber wir ignorieren immer wieder das Offensichtliche: den digitalen öffentlichen Raum. Die Infrastruktur, in der der öffentliche Diskurs tatsächlich stattfindet, in der Meinungen gebildet und Wahlen gewonnen oder verloren werden.

Wir kommunizieren ausschließlich auf Plattformen, die von ausländischen Unternehmen kontrolliert werden: Meta, Alphabet, TikTok/ByteDance, LinkedIn und was auch immer Elon Musk diese Woche für X plant. In einer Zeit, in der Informationsfluss so eng mit Macht korreliert, hat Europa den Großteil seines Informationsökosystems an amerikanische Unternehmen ausgelagert, die dem amerikanischen Recht, der amerikanischen Politik und zunehmend unberechenbaren amerikanischen Milliardären unterliegen.

Die Standardreaktion war bisher Regulierung. DSGVO, Digital Services Act, AI Act. Wir scheinen uns darauf zu verstehen, Regeln für die Spielplätze anderer zu schreiben. Aber Regulierung ohne Ownership ist letztlich nur ein Kommentar.

Keine sozialen Netzwerke

China agiert hinter seiner Great Firewall mit WeChat und Weibo. Russland, mit einem Bruchteil der Wirtschaftskraft Europas, unterhält VKontakte. Selbst kleinere Märkte haben es geschafft, soziale Plattformen von nationaler Bedeutung aufzubauen. Europa, mit 450 Millionen Einwohnern und der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, hat genau null soziale Netzwerke von entscheidender Größe hervorgebracht. Nicht eines.

Die eine teilweise Ausnahme ist aufschlussreich. Spotify, schwedisch, europäisch, global, ist keine soziale Plattform, aber es ist die einzige in Europa entwickelte Content-Plattform, die auf weltweiter Ebene konkurriert. Und es lohnt sich, darauf zu achten, warum es funktioniert: Es basiert auf Abonnements. Es bezahlt die Urheber (nicht perfekt, aber es bezahlt sie). Es braucht keine Wut, um die Nutzer bei der Stange zu halten. Die Anreizstruktur belohnt Qualität und die Tiefe des Angebots, nicht Viralität. Im Vergleich dazu zielt die gesamte Architektur von TikTok darauf ab, unsere Aufmerksamkeitsspanne zu kapern. Spotify ist nicht perfekt, aber es ist der Beweis dafür, dass europäische Plattformen global konkurrieren können und dass das Abonnementmodell etwas hervorbringt, das grundlegend weniger toxisch ist als eine rein werbegetriebene Alternative.

Substack folgt einer ähnlichen Logik. Genau deshalb ist es interessant.

Hier geht es nicht um Stolz. Wenn es hart auf hart kommt (und die Geopolitik deutet darauf hin, dass es in naher Zukunft ziemlich hart auf hart kommen wird), sind die Plattformen Washington gegenüber rechenschaftspflichtig, nicht Brüssel. Sie sammeln und verwerten die Daten europäischer Nutzer, um Werbeeinnahmen zu generieren, während sie systematisch die Geschäftsmodelle europäischer Medienunternehmen zerstören. Und bisher haben wir meist damit reagiert, dass wir mehr Regeln darüber geschrieben haben, wie sie uns „höflicher schaden“ sollen.

Warum Substack?

Substack entwickelt sich zu etwas, das über eine Newsletter-Plattform hinausgeht. Es wird zu einem sozialen Netzwerk, das auf Vertrauen statt auf Doomscrolling, auf Abonnements statt auf Überwachung, auf Autoren statt auf Trolle und Bots basiert. Der Verifizierungsmechanismus ist kein blaues Häkchen, das an den Meistbietenden verkauft wird, sondern Leser, die für Inhalte bezahlen, die ebendiese schätzen. Ein Konzept, das heutzutage fast schon altmodisch anmutet: Qualität als Referenz.

Das Geschäftsmodell – Autoren berechnen den Lesern direkt, die Plattform behält 10 Prozent – entspricht viel eher dem, was Europa angeblich wichtig ist, als alles, was Meta jemals versucht hat. Wie Spotify für Audio baut Substack eine Infrastruktur auf, in der wirtschaftliche Anreize und das öffentliche Interesse in etwa in dieselbe Richtung weisen. Das allein macht es zu einer Anomalie, die es wert ist, geschützt zu werden.

Die Plattform verzeichnet über fünf Millionen kostenpflichtige Abonnements und wächst weiter, insbesondere bei der Art von ernsthaften Autoren und Denkern, die eine echte europäische Öffentlichkeit manifestieren könnten. Im Gegensatz zu TikTok oder Instagram, wo die europäische Nutzung fast schon automatisch einer kulturellen Kolonisierung gleichkommt, könnte Substack durchaus europäischer werden und gleichzeitig global relevant sein.

Zum Kontext der Bewertung: Der Medienriese Axel Springer kaufte Politico im Jahr 2021 für mehr als eine Milliarde Dollar und kürzlich die Telegraph Media Group für 665 Millionen Euro. Das sind eindeutig keine undenkbaren Zahlen. Es braucht nur jemanden, der das in Erwägung zieht.

Es gibt jedoch etwas Unangenehmes, das man über die Plattform anerkennen muss.

Substack ist nach europäischen Maßstäben fast schon ein Verfechter der absoluten Meinungsfreiheit und erlaubt nicht nur Inhalte, die in vielen europäischen Rechtsordnungen illegal wären, sondern ermöglicht es den Urhebern auch, diese zu monetarisieren. Hassrede, Verschwörungstheorien und politischer Extremismus generieren derzeit auf Substack Einnahmen. Der „Guardian“ hat das Ausmaß dieses Problems erst vor ein paar Wochen dokumentiert, und es war nicht das erste Mal. Aus US-amerikanischer Sicht sind dies die Kosten dafür, dass der Erste Verfassungszusatz Vorrang vor anderen Werten hat. Aus europäischer Sicht – wo Gesetze gegen Hassrede, Recht auf Menschenwürde und demokratische Schutzmechanismen regelmäßig Vorrang vor der Meinungsfreiheit haben – wäre einiges von dem, was Substack derzeit hostet, schlichtweg illegal. Dies ist ein zentraler Konfliktpunkt des Vorschlags, auf den wir noch zurückkommen werden.

Digitale Infrastruktur

Substack ist noch nicht profitabel, was von Vorteil sein könnte. Die derzeitigen Investoren – Andreessen Horowitz und andere – haben Geld investiert und erwarten exponentielle Renditen, die entweder einen Börsengang oder einen Verkauf erfordern. Eine Übernahme durch Europa bietet ihnen einen Ausstieg mit Aufschlag und nimmt gleichzeitig den Druck von der Plattform, ihr Modell für kurzfristiges Wachstum zu kompromittieren. Jeder bekommt, was er will.

Für Europa ist das Investitionsszenario strategischer Natur, nicht nur finanzieller. Die Förderung von Substack als europäische Alternative zu werbefinanzierten Plattformen könnte die Akzeptanz beschleunigen. Die Integration in europäische, digitale Identitätssysteme, offene Standards, eine mehrsprachige Infrastruktur, die tatsächlich funktioniert, sowie eine bevorzugte Platzierung in digitalen Diensten der EU – das sind keine Fantasien, sondern politische Hebel, über die Europa bereits verfügt und die es kaum nutzt.

Das Potenzial reicht über Europa hinaus. Ein Substack, das nicht mehr der Venture-Logik des Silicon Valley unterliegt, könnte Autoren und Leser weltweit ansprechen, die erschöpft sind von Plattformen, die darauf ausgelegt sind, sich die Wut der User zu Nutzen zu machen, und von dem „Enshittification“-Zyklus, der garantiert, dass sich die Wut noch verschlimmert, da jede Funktion nach und nach geopfert wird, um Investoren, die das Produkt nie genutzt haben, eine zehnfache Rendite zu liefern. Es gibt einen Markt für digitale Infrastruktur, die Wut als Geschäftsmodell nicht braucht und nicht auf dem Weg ins Verderben ist. Jemand sollte diesen Markt bedienen.

Private Investitionen

„Europa sollte Substack kaufen“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass die EU Substack kaufen sollte. Um es klar zu sagen: Ein EU-eigenes soziales Netzwerk würde innerhalb weniger Monate den Tod durch Technokratie bedeuten. 27 Mitgliedstaaten, die sich über Cookie-Einwilligungsbanner auf der Plattform streiten, die sie gemeinsam besitzen, sind ein Albtraum, keine Vision für die Zukunft.

Plausibler wäre eine private Übernahme, etwa durch Axel Springer, Bertelsmann, Schibsted, Vivendi oder ein Konsortium strategisch denkender europäischer Unternehmen mit EU-Koinvestitionen und entsprechender Governance-Vorkehrungen. Man stelle sich eine Struktur ähnlich wie bei Arte oder der Europäischen Investitionsbank vor: europäisches Eigentum mit operativer Unabhängigkeit, geleitet von einem Vorstand, der Politiker auf Distanz hält.

Kritiker werden auf Europas gemischte Bilanz mit „Champion“-Strategien verweisen. Für jeden Airbus gibt es ein Quaero, eine europäische Suchmaschine, die Google Konkurrenz machen sollte und an die sich aus gutem Grund niemand mehr erinnert.

Aber hier geht es nicht darum, ein Unternehmen aus einer PowerPoint-Präsentation und einem Förderprogramm zu erschaffen. Es geht darum, eines zu erwerben, das bereits funktioniert. Substack verfügt über einen funktionierenden Product Market Fit, eine wachsende Nutzerbasis und ein Geschäftsmodell, das keiner Neuerfindung bedarf, sondern „nur“ einer Verstärkung. Bei dieser Intervention geht es nicht darum, etwas von Grund auf neu aufzubauen, sondern zu verhindern, dass etwas Wertvolles entweder von Unternehmen wie Meta zerschlagen wird oder letztendlich zu einem weiteren, auf Engagement fixierten Ad-Tech-Monster wird.

Der institutionelle Einwand ist real: Europäische Eigentümerschaft könnte die Plattform politischem Druck aus 27 Mitgliedstaaten und jener Art von institutioneller Sklerose, die manche in Brüssel als Ehrenabzeichen tragen, aussetzen. Wenn irgendjemand aus dem Umfeld anfängt, von einem „Multi-Stakeholder-Konsultationsprozess“ zu sprechen, dann flüchtet!

Der Business Case

Die Moderation von Inhalten wird ein Problem sein. Die europäischen Rechtstraditionen behandeln Meinungsäußerungen anders als die amerikanischen. In Deutschland, Frankreich, Österreich und anderswo legen Gesetze gegen Hassrede Verpflichtungen auf, die die Entfernung von Inhalten erfordern würden, die Substack derzeit nicht nur toleriert, sondern sogar bei der Monetarisierung unterstützt. Und es gibt keinen europaweiten Konsens darüber, wo die Grenze liegt: Was in Berlin strafbar ist, kann in Budapest geschützt sein.

Für manche liegt ein Teil der Anziehungskraft von Substack gerade in seiner freizügigen Kultur. Bestimmte Autoren entscheiden sich dafür, weil sie darauf vertrauen, dass sie nicht durch undurchsichtige Algorithmen moderiert oder durch Inhaltsrichtlinien, die darauf abzielen, Werbekunden oder Politiker zu beschwichtigen, von der Plattform verbannt werden. Ein von Europa regiertes Substack, das die Moderationsstandards aggressiv verschärft, läuft Gefahr, einige der Menschen zu vertreiben, die die Plattform erst erwerbswürdig gemacht haben.

Aber das Gegenteil trifft ebenfalls zu. Es gibt viele seriöse Autoren und zahlende Abonnenten, die erleichtert wären, sich die Plattform nicht mit Hasspredigern und Verschwörungsunternehmern teilen zu müssen. Eine strengere, transparente Moderation könnte zwar einige Randautoren verlieren, aber mehr Mainstream-Nutzer anziehen. Ein saubereres Substack könnte ein kommerziell attraktiveres Substack sein. Der Zielkonflikt ist vorhanden, aber es ist nicht offensichtlich, welche Seite davon gewinnt.

Hier geht es nicht unbedingt um Substack. Es geht darum, ob Europa es mit der digitalen Souveränität ernst meint oder nur damit, White Papers über digitale Souveränität zu verfassen. Die alternativen Strategien – von Grund auf neu aufzubauen, digitale Vorreiter durch Subventionen und Erklärungen zu fördern – wurden bereits ausprobiert. Sie sind wiederholt gescheitert, aus strukturellen Gründen, die sich nicht ändern werden, nur weil wir es uns wünschen.

Europa ist sehr gut darin, zu erklären, warum amerikanische Plattformen schlecht für die Demokratie sind. Irgendwann muss sich das in konkretem Handeln niederschlagen.

Der Original-Text erschien auf Englisch im Branchen-Newsletter Media Finance Monitor und im horizont.at.