Die Hauptstadt der Republik verschwindet im Schatten der nationalen Berichterstattung. Wie lange wollen wir uns das noch leisten?
Vor rund einem Jahr, am 27. 4. 2025, hat Wien gewählt. Echten Wettbewerb gab es nicht. Der Wahlkampf war kurz, spannungsarm, ideenarm. Hans Rauscher schrieb im „Standard“, einige große Fragen seien „nicht nur unbeantwortet geblieben, sondern wurden erst gar nicht richtig gestellt“. Franz Ferdinand Wolf kommentierte im „Trend“ einen Wahlkampf, „der mehr von Ideen zum Verwalten als zum Gestalten geprägt war“. Florian Gasser schrieb in der „Zeit“: „Versprechen gab es diesmal keine. Inhaltlich ging es um nichts. Irgendwie schien das allen Beteiligten sogar nur recht zu sein.“ Diese Zeitung titelte vor der Wahl: „Wien, wir hätten reden müssen.“
Strukturelle Gründe
Dann wurde gewählt. Die Aufmerksamkeit der Medien verlagerte sich bald nach der Wahl verlässlich aufs Nationale. Wien wurde – einmal mehr – zur Nebensache. Das ist kein Zufall. Das hat strukturelle und kulturelle Gründe.
Ein Jahr danach ist die Lage klarer. Die Stadtregierung verschob den Betriebsstart der U5 und U2 sowie die Fertigstellung des Busbahnhofs um Jahre. Der Schuldenstand der Stadt hat sich seit 2019 auf beinahe 15 Milliarden Euro verdoppelt, 2025 wurden um 2,63 Milliarden mehr ausgegeben als eingenommen. Jetzt wird auch im Sozialbereich gespart, das trifft dann etwa Familien, arbeitsunfähige oder pflegebedürftige Personen und Pensionisten. Für eine so rasant wachsende Stadt wie Wien entsteht laut Experten zu wenig Wohnraum: Jährlich wären rund 12.000 neue Einheiten nötig, 2025 wurden es ca. 9000. Wien lebt zudem schon sehr lange von der Substanz und den Visionen des Roten Wiens Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Wohnbau regiert der günstige Zweckbau – ohne Vision für Architektur und Städtebau für das Wien des 21. Jahrhunderts und ohne Wertschätzung fürs baukulturelle Erbe. Die FPÖ liegt in Umfragen konstant um die 25 Prozent.
Die fehlenden Ideen und Diskussionen grundsätzlich und zur Wahl im Speziellen, die jetzigen budgetären und politischen Tatsachen können wir nicht isoliert betrachten. Das sind substanzielle Entwicklungen in der Finanzpolitik, der Infrastruktur, der politischen Stimmung – und sie passieren in einem medialen Vakuum. Ohne kontinuierliche Beobachtung. Ohne intensive, fundierte, öffentliche Einordnung. Ohne den Druck, den eine funktionierende Öffentlichkeit einer Großstadt erzeugen würde. Nicht weil die Themen uninteressant wären. Sondern weil niemand dauerhaft mit viel Ressourcen, Interesse, Expertise, lokalem Netzwerk und Nachdruck hinschaut.
Die Metropolregion Wien zählt knapp drei Millionen Menschen, erwirtschaftet ein Viertel des österreichischen BIP, wächst mit rund 1,2 Prozent pro Jahr. Allein Donaustadt und Favoriten haben je so viele Einwohner wie Linz. Über 44 Prozent der Wienerinnen und Wiener haben internationale Wurzeln.
Diese Stadt ist divers und vielschichtig. Sie steht vor großen Herausforderungen im technologischen, internationalen und regionalen Kontext. Und sie hat eine mangelhafte demokratische Infrastruktur an auf Wien spezialisierten Redaktionen, keine Vielfalt an unabhängigen Lokalmedien, die originales Reporting nur über Wien machen. Keinen Stadtjournalismus, der Wien zur Hauptsache macht.
Ohne Agora keine Demokratie
Das Fehlen einer starken städtischen Öffentlichkeit ist kein mediales Detailproblem. Es ist ein kulturelles, wirtschaftliches und politisches Strukturproblem. Der Medienforscher Christopher Buschow bringt es auf den Punkt: Lokaljournalismus erfülle „wichtige Aufgaben der Daseinsvorsorge, deren Bedeutung sich oft erst dann zeigt, wenn sie bereits verlorengegangen sind“.
Was passiert, wenn diese Kapazität fehlt, zeigt die Forschung mehrfach. Eine Studie über Baden-Württemberg fand, dass die AfD dort stärker abschneidet, wo keine Lokalzeitung existiert — nicht weil Lokalzeitungen explizit gegen rechts mobilisieren, sondern weil sie grundsätzlich informieren. Untersuchungen zu den US-Wahlen 2016 zeigen dasselbe Muster: In Regionen ohne lokale Presse war die Zustimmung für Donald Trump signifikant höher. Informationsmangel ist kein neutraler Zustand. Er hat politische und ökonomische Konsequenzen: Internationale Studien belegen, dass dort, wo Lokaljournalismus fehlt, nicht nur die Wahlbeteiligung sinkt, sondern auch kommunale Ausgaben steigen, Transparenz sinkt, Fehlentwicklungen später erkannt werden, und auch die Korruption steigt.
Demokratie braucht Öffentlichkeit, in der Argumente und Ideen zirkulieren, Macht beobachtet wird und Bürgerinnen und Bürger als Gestalter auftreten können – nicht nur als Wählerinnen und Wähler. Ohne diesen Raum verkümmert nicht nur der Diskurs, es verkümmert die Fähigkeit einer Stadt, sich selbst zu verstehen und zu erneuern, und es behindert eine starke Verbindung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und ihrer Stadt. Guter Stadtjournalismus schafft mehr als Information. Er ermöglicht, Teil einer Gemeinschaft zu sein, und die Fähigkeit, in ihr selbstwirksam zu sein.
Andere zeigen es vor
Städte sind die entscheidenden Labore der Gegenwart und Zukunft: Orte der Begegnung, der Reibung, des Wettbewerbs. Innovation entsteht durch Dichte, Zufall, Gemeinschaft. Journalismus ist zentraler Teil dieses Ökosystems. Er schafft Räume, in denen Ideen sichtbar werden und Kritik möglich ist.
Dass dieser Journalismus wirtschaftlich erfolgreich und nachhaltig tragfähig sein kann, zeigen Gründungen in Berlin, Zürich, Manchester, Lyon und weiteren europäischen Städten in den letzten zehn Jahren. Mit journalistischem Ehrgeiz, nah an ihren Leserinnen und Lesern, primär von diesen über Abonnements finanziert und daher unabhängig von Werbung wie auch unabhängig von politischen Parteien. Antworten auf eine reale Nachfrage im Markt.
Allein in der Region Valencia — mit fünf Millionen Einwohnern — zählt Medienforscher Andy Kaltenbrunner 256 digitale Lokalmedien, darunter 121 Digital-only-Neugründungen. Proportional auf die Metropolregion Wien umgelegt wären das jedenfalls mehr als 100. Wien hat keine Handvoll digitale Lokalmedien.
Wien fehlt das. Nicht ein weiteres Stadtleben-Magazin. Nicht eine weitere Gratiszeitung für den Postkasten und Papiermüll. Eine Vielfalt unabhängiger, spezialisierter Lokalmedien auf Stadt- und Bezirksebene und gerne auch für den Speckgürtel, die Wien zur Hauptsache machen. Redaktionen, die Expertise zur Stadt aufbauen, die sich über Jahre akkumuliert. Die Bürgerinnen und Bürger nicht als Publikum begreifen, sondern als Teil der Stadt und des Diskurses. Dass es sie noch nicht gibt, ist kein Marktversagen. Es ist ein Fehlen von Vorstellungskraft, Ambition, Kapital und politischer Dynamik.
„Wo bleibt der Mut zur Zukunft?“, fragte Franz Ferdinand Wolf im „Trend“ nach der Wahl. Die Antwort beginnt nicht in Parteizentralen, sondern in der Öffentlichkeit. Die Frage ist nicht, ob Wien eine unabhängige lokale Medienlandschaft braucht, die sich an ihren Bürgerinnen und Bürgern ausrichtet. Die Frage ist, warum es sie noch nicht gibt und wie lange wir uns das noch leisten können.